Überfälle im Schatten des Würgers von Plauen

Das kriminelle Vorleben des geständigen Prostituierten-Mörders Volker E. aus Hof weist erstaunliche Parallelen zu einem anderen Serientäter auf: dem gefürchteten “Würger von Plauen”. Wie sich jetzt herausstellt, schlichen beide fast zeitgleich nachts durch die Stadt, überfielen Frauen und würgten sie, um sich sexuell zu erregen.

PLAUEN – Auch heute noch sind die finstere Verbindungstreppe an der Trögerstraße und der von dichten Herbstnebeln verhangene August-Bebel-Hain unterhalb des Vogtland-Klinikums des Nachts recht gruselige Orte. Passanten versuchen, sie schnellen Schrittes hinter sich zu bringen. Mitte der achtziger Jahre war das nicht anders. Mehr noch: Frauen trauten sich hier und anderswo in Plauen kaum nachts allein auf die Straße. Ein Serientäter hatte die Stadt in Angst versetzt: der “Würger von Plauen”.
Von 1982 an werden immer wieder Frauen überfallen, zu Boden gerissen und bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt. Erst fünf Jahre später wird der Täter gefasst. Es ist der damals 33-jährige Unterleutnant der Volkspolizei im Kriminaldienst, Lothar G. aus Plauen. Ein hochrangiger Vopo-Offizier als gefährlicher Triebtäter? Das darf im sozialistischen Musterstaat nicht sein. Deshalb hält die Parteileitung alle Informationen über Lothar G. unter der Decke. In der Tagespresse erscheint lediglich ein Sieben-Zeilen-Meldung: “Dank unermüdlicher und intensiver Ermittlungstätigkeit der Volkspolizei konnte der Bürger G. verhaftet werden. G. hatte Frauen und Mädchen gesundheitlich geschädigt und sich fremdes Eigentum angeeignet.”
Welch eine Tiefstapelei. Tatsächlich hat Lothar G. in neun nachgewiesenen Fällen junge Frauen bis an den Rand des Todes gewürgt. 1988 wird er zu einer Freiheitsstrafe von zwölf Jahren verurteilt.

Doch nicht alle Überfälle in dieser Zeit sind dem jungen Polizei-Offizier zuzuordnen. In mindestens drei Fällen hat ein anderer Täter auf beinahe die gleiche Weise zugeschlagen: Volker E. aus dem nahen Oelsnitz. Auch er wird gefasst und 1988 zu mehrjähriger Haft verurteilt. Hat sich E. als “Trittbrettfahrer” des berüchtigten “Würgers” versucht, über den unter der Hand ganz Plauen tuschelte? Hat er den Tatablauf von seinem “Vorbild” übernommen, weil er merkte, dass er sexuell ähnlich abartig veranlagt war? Hat er im nächtlichen Plauen der Vorwendezeit den Grundstein gelegt zu einer Mordserie, der jetzt in Spanien und Frankreich fünf Frauen zum Opfer gefallen sind? Alles deutet darauf hin.

Erst nach der Wende wurde die Geschichte des “Würgers” in Plauen aufgearbeitet. Eine absolut filmreife Gänsehaut-Story über die Abgründe des menschlichen Wesens.

Lothar G., ein weiches, weinerliches Kind, ist in der Schule ein gehänselter Außenseiter und als Jugendlicher ein Einzelgänger ohne Freunde. Sportlich fit, kommt er über die Nahkampfausbildung in einem Spezialaufklärungsbataillon der Nationalen Volksarmee zur Polizei. Der Strebsame macht schnell Karriere, steigt auf in den Kriminaldienst. So kommt es, dass er später manchmal für die Untersuchung seiner eigenen Taten zuständig ist.

Durch einen anderen Fall angeregt, beginnt G. sich im Frühjahr 1982 mit sexueller Strangulation zu beschäftigen. Er merkt, wie ihn die Vorstellung erregt, eine Frau zu würgen. Am 25. Juni 1982 ist er im Vopo-Diensttrabi nachts unterwegs. Im August-Bebel-Hain lauert er einer 19-jährigen Abiturientin auf, reißt sie blitzschnell zu Boden, hält mit den Knien ihre Arme fixiert, wie er es im NVA-Training gelernt hat. Er legt seine Hände um ihren Hals und drückt zu, bis das Mädchen ohnmächtig wird. Das Gefühl absoluter Macht über sein wehrloses Opfer, so wird er später seine Empfindungen schildern, löst in ihm einen übermächtigen Sinnesrausch aus, der ihn ohne weitere sexuelle Manipulation zum Höhepunkt bringt.

Nur kurze Zeit später sitzt er im VP-Kreisamt und nimmt die Anzeige der völlig verängstigten jungen Frau auf, die er selber überfallen hat. Vier weitere Taten folgen bis zum Herbst 1982. Auch ohne Presseberichterstattung verbreiten die Nachrichten in Plauen Angst und Schrecken. Die Sonderkommission “Würger” tritt auf der Stelle. Viele Nächte der Observation, der Einsatz weiblicher Polizisten als Lockvögel – nie lässt sich der Täter blicken. Kein Wunder: Lothar G. ist selbst Soko-Mitglied.

Und ausgerechnet in den wenigen Nächten ohne Überwachung schlägt der “Würger” wieder zu. Im Mai 1983 bleibt sein Opfer, eine 32-jährige Kellnerin, anderthalb Stunden bewusstlos liegen. Die ärztliche Untersuchung ergibt, dass sie nur ganz knapp dem Erstickungstod entronnen ist.

Februar 1987: Wieder ist der “Würger” unterwegs. Die SED-Kreisleitung beschließt: keine Information der Presse, keine erneute Beunruhigung der Bürger. Intern wird vermerkt: “Der Täter unterliegt offensichtlich dem dekadent-klassenfeindlichen Einfluss des West-Fernsehens.” Der “Würger” ist zum Staatsfeind gestempelt.

Der neue Plauener Kripo-Chef holt einen Kriminalwissenschaftler der Berliner Humboldt-Universität, der tagelang ein psychologisches Täterprofil erstellt. Als Adlatus an seiner Seite: Vopo-Offizier Lothar G. Er merkt, wie genau die Ergebnisse des Professors auf ihn passen.

Aber nicht das Profil führt zu seiner Festnahme, sondern seine Ex-Frau. Sie findet einen ominösen Koffer im Keller. Lothar G. hat darin von jedem seiner Opfer eine Kleinigkeit aufbewahrt. Einen Ring. Ein Kosmetiktäschchen. Einen Schlüssel.

Der “Würger von Plauen” bewahrte ein Schatzkästchen mit Fetischen auf. Genau wie sein grausamer Nachfolger, der Killer der Landstraße, Volker E.

Die ganze Geschichte des Serientäters Lothar G. erzählt der renom-mierte Kriminologe und Autor Hans Girod in seinem eben erschienenen Buch “Der Würger von Plauen”, in dem er fünfzehn Aufsehen erregende, wahre Verbrechen aus der DDR-Vergangenheit aufarbeitet. (Knaur-Taschenbuch, ISBN 3-426-77864-5, 7,95 Euro).

Die Verbindungstreppe an der Plauener Trögerstraße gestern Abend. Der Ort, an dem der “Würger von Plauen” vor zwanzig Jahren seinen Opfern auflauerte, ist auch heute noch gut für eine Gänsehaut.

Erschienen am 29.11.2006 00:00
VON RAINER MAIER